Treibhausgasemissionen radikal senken

Studie zeigt Wege zu einer weitgehenden Dekarbonisierung des Energiesystems in Deutschland bis 2050

  • Pressemitteilungen 02.09.2015

Auf der UN-Klimakonferenz Ende des Jahres in Paris soll eine neue internationale Klimaschutzvereinbarung getroffen werden, um die Erwärmung der Erdatmosphäre auf maximal 2 °C gegenüber dem vorindustriellen Niveau beschränken zu können. Nach den Erkenntnissen der Klimaforschung kann dieses Ziel nur erreicht werden, wenn die globalen Treibhausgasemissionen in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts gegen Null gehen.

Diese radikale Absenkung vor allem des Kohlendioxidausstoßes wird international auch als "deep decarbonization" bezeichnet. Sie bedeutet vor allem eine tiefgreifende Veränderung der Energiesysteme und dies bereits bis Mitte des Jahrhunderts. Welche Wege zu dem Ziel einer kohlenstoffarmen Wirtschaft führen können, das untersuchen Wissenschaftler(innen) aus 16 Ländern, die zusammen für 70 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich sind, darunter USA, Brasilien, Südafrika, Indien, China und Russland, im Rahmen des "Deep Decarbonization Pathways Project" (DDPP). Diese Initiative wurde vom United Nations Sustainable Development Solutions Network (UNSDSN) und dem Institut für Nachhaltige Entwicklung und Internationale Beziehungen (IDDRI) 2013 ins Leben gerufen. Erste Länderberichte wurden bereits veröffentlicht.

Nun liegt die Länderstudie für Deutschland vor. Darin zeigt das Wuppertal Institut Wege auf, die zu einer weitgehenden Dekarbonisierung des Energiesystems in Deutschland führen können. In der Analyse wird nicht nur diskutiert, wie das Ziel der Bundesregierung, die inländischen Treibhausgasemissionen bis 2050 um mindestens 80 Prozent (gegenüber 1990) zu reduzieren, erreicht werden kann, sondern auch, wie eine darüber hinausgehende Minderung umgesetzt und damit eine adäquate Brücke in eine treibhausgasfreie Zukunft gebaut werden kann.

Ausgehend von einer vergleichenden Analyse der Ergebnisse von aktuellen für Deutschland vorliegenden Szenariostudien zeigt die Studie, dass drei "Hauptstrategien" bestimmend sind, um die Treibhausgasemissionen in Deutschland bis 2050 stark zu reduzieren:

  • Umfassende Erhöhung der Energieeffizienz, d. h. sinkender Energieverbrauch bei gleichbleibendem Nutzen in allen Endenergiesektoren (d. h. Haushalte, Gewerbe, Industrie, Verkehr),
  • Verstärkte Nutzung erneuerbarer Energiequellen im Inland (insbesondere erhöhte Stromproduktion aus Wind- und Solarenergie),
  • Weitgehende Elektrifizierung von Prozessen (z. B. strombasierte Wärmeversorgung, Elektrofahrzeuge) und mittel- bis langfristig die Nutzung synthetischer Gase und Treibstoffe (Power to Gas/Fuels), die auf Basis erneuerbarer Energien erzeugt werden.

Deutschland hat in den letzten beiden Jahrzehnten gezeigt, wie der Ausbau erneuerbarer Energien gelingen kann. Um die Strategien erfolgreich umzusetzen, muss diese Dynamik fortgesetzt werden. Dagegen hängt die Verbesserung der Energieeffizienz weit hinter ihren Möglichkeiten zurück. In den nächsten Jahren gilt es daher insbesondere in diesem Bereich intensiv an den für die Umsetzung notwendigen Rahmenbedingungen zu arbeiten. Eine stärkere Elektrifizierung von Prozessen und die Einführung von Power to Gas/Fuels erfordert strukturelle Veränderungen, für die auf verschiedenen Ebenen die Voraussetzungen in den nächsten Jahren geschaffen werden müssen.

Eine weitergehende Dekarbonisierung (90 Prozent und mehr bis 2050) ist möglich, wenn die Energienachfrage auch durch Verhaltensänderungen gesenkt wird, z. B. im Verkehrssektor durch Verlagerung auf klimafreundliche Transportmittel, oder durch Änderungen von Ernährungs- und Heizgewohnheiten. Weitere Strategien können laut der Studie des Wuppertal Instituts der Nettoimport von Strom aus erneuerbaren Energiequellen sein sowie im Industriesektor die Nutzung der CCS-Technologie ("Carbon Capture and Storage", d. h. CO2-Abscheidung und -speicherung) zur Reduzierung des Kohlendioxidausstoßes. Ein wichtiges zusätzliches Instrument wäre die Minderung weiterer Nicht-CO2-Treibhausgasemissionen, vor allem in der Landwirtschaft und der Industrie.

Die erfolgreiche Umsetzung der Treibhausgasminderungsstrategien ist kein Selbstläufer, sondern mit erheblichen Herausforderungen verbunden, die Politik und Gesellschaft gemeinsam meistern müssen. "Ohne geeignete politische, institutionelle, kulturelle und soziale Rahmenbedingungen ist eine Dekarbonisierung nicht möglich", betont Prof. Dr. Manfred Fischedick, Projektleiter und Vizepräsident des Wuppertal Instituts. Vor allem gilt es stabile Investitionsbedingungen zu schaffen, die Gesellschaft in den tiefgreifenden Veränderungsprozess einzubinden und damit auch die öffentliche Akzeptanz für notwendige Infrastrukturprojekte zu sichern.

Die Studie macht deutlich, dass die Dekarbonisierung konsequentes politisches und gesellschaftliches Handeln über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten erfordert. "Den langen Atem dafür bekommt man nur, wenn wir aufhören uns ausschließlich mit den potentiellen kurzfristigen Nachteilen der Umstellung des Energiesystems zu beschäftigen", betont Fischedick. Stattdessen müsse viel stärker herausgestellt werden, dass die Umsetzung nicht nur den Klimaschutz in Deutschland voranbringt, sondern darüber hinaus einen erheblichen Mehrwert hat. Positive Effekte sind u. a. eine Verringerung der Importabhängigkeit, eine Verbesserung der Luftqualität, eine Stärkung der Innovationsdynamik und der Exportmöglichkeiten der lokalen Wirtschaft - genug Rückenwind für mutiges politische Handeln.

Die Studie wurde mit Unterstützung der Stiftung Mercator erstellt. Eine Kurzfassung steht zum Download auf der Homepage des Wuppertal Instituts auf deutsch und englisch zur Verfügung. Die Langfassung finden Sie auf der Homepage des Deep Decarbonization Pathways Project (DDPP).

 

Pressemitteilung des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie

ViSdP: Prof. Dr. Uwe Schneidewind, Präsident

Kontakt: Öffentlichkeitsarbeit, Dorle Riechert

Tel.: +49 202 2492-180, Fax: +49 202 2492-108

E-Mail: dorle.riechert@wupperinst.org


Pressebilder

Abbildung 1
Änderungen der THG-Emissionen gegenüber 1990 (in %)

Abbildung 2
Änderung der Energienachfrage gegenüber 2010 (in %)

Abbildung 3
Primärenergiemix

Abbildung 4
Anteil von Strom und Wasserstoff an der Endenergienachfrage