Studie: Die Energiewende kann naturverträglich gelingen

Wuppertal Institut zeigt Lösungsweg auf - Potenzial von natürlichen Kohlenstoffspeichern erhöhen, Energieeffizienz ausbauen und nachhaltiger wirtschaften und leben

  • News 17.05.2019

Naturschutz und Energiewende sind vereinbar. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich  Anfang der Woche positiv zu der Initiative Frankreichs zur Treibhausgasneutralität der EU bis 2050 geäußert. Deutschland kann dazu einen Beitrag leisten und bis Mitte des Jahrhunderts Treibausgasneutralität erreichen – und zwar naturverträglich. Zu diesem Ergebnis kommt eine vom Naturschutzbund (NABU) beauftragte und heute in Berlin vorgestellte Studie "Strategien für eine naturverträgliche Energiewende". Die Metastudie zeigt, dass sowohl Klimaschutzziele erreicht werden können und gleichzeitig ein hohes Naturschutzniveau erhalten bleiben kann. Entstanden ist sie innerhalb des Projekts "EnerNat – Metastudie vorliegender Energieszenarien für Deutschland mit dem Fokus auf Optionen für eine naturverträgliche Energiewende".

Es ist grundsätzlich möglich, die energiebedingten Treibhausgasemissionen Deutschlands bis Mitte des Jahrhunderts gegenüber 1990 um bis zu 100 Prozent zu reduzieren, so das Fazit des Gutachtens. Das Wuppertal Institut untersuchte für den NABU dazu vorliegende Energieszenarien und identifizierte daraus jene Klimaschutzstrategien, die bisher deutlich unterrepräsentiert sind und künftig deutlich stärker gefördert werden sollten. Dazu zählen Photovoltaik, Steigerung von Energieeffizienz, Förderung natürlicher Senken und Ressourcenschutz.

"Wir brauchen die Energiewende für wirksamen Klimaschutz. Aber entscheidend ist, dass wir dabei Natur und Umwelt nicht zerstören. Wir können nicht einfach den Kohle- durch Windstrom ersetzen, sondern müssen zunächst versuchen, deutlich weniger Energie zu verbrauchen. Hier brauchen wir ordnungspolitische Rahmenbedingungen und auch die Verbraucherinnen und Verbraucher müssen ihren Teil dazu beitragen. Außerdem müssen natürliche Kohlenstoffspeicher wie Moore verstärkt in den Fokus rücken", sagt NABU-Präsident Olaf Tschimpke. Neben einem nachhaltigeren, ressourcenschonenderen Lebensstil müssten mehr Maßnahmen in die Steigerung der Energieeffizienz fließen. Im Gebäudesektor würde eine steuerliche Abschreibung bei der Gebäudesanierung schnell mehr Effizienz bringen. Auch eine gut umgesetzte CO2-Bepreisung würde effiziente Technologien in allen Sektoren fördern.
Der Ausbau der erneuerbaren Energien führt auch zu einem steigenden Druck auf Flächen. "Erneuerbare-Energie-Anlagen sind immer auch Eingriffe in den Naturraum. Schlecht geplante und platzierte Windenergieanlagen können gravierende Folgen für Fledermäuse und Vögel haben. Durch die Bauwerke verlieren die Tiere Lebensraum oder sie sterben durch Rotoren. Der großflächige Energiepflanzenanbau zur Biogaserzeugung kann sich auch negativ auf Insekten, Vögel und andere Tiere auswirken, weil ihnen Lebensräume verloren gehen", so NABU-Präsidiumsmitglied Heinz Kowalski. 

Stattdessen sei es dringend notwendig, die Nutzung von Photovoltaik auszubauen, künftige Förderinstrumente entsprechend auszurichten und vorhandene Hürden zu minimieren, so die Expertise des Wuppertal Institut-Gutachtens. "Ein deutlich stärkerer Ausbau der Photovoltaik gegenüber den letzten Jahren wäre ein wichtiger Baustein für das Erreichen der deutschen Klimaschutzziele und könnte zur gesellschaftlichen Akzeptanz sowie zur Naturverträglichkeit der Energiewende beitragen", sagt Dr. Sascha Samadi, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsbereich Sektoren und Technologien am Wuppertal Institut.

Der NABU begrüßt die Aussage von Bundeskanzlerin Merkel diese Woche beim internationalen Petersberger Klimadialog in Berlin, dass sich Deutschland der Initiative unter Frankreichs Präsident Emmanuel Macron anschließen wolle, die EU bis 2050 klimaneutral zu machen. Die Kanzlerin hatte gesagt, dass nicht darüber diskutiert werden müsse, "ob wir es erreichen können, sondern wie können wir es erreichen."
Die Studie liefert einen guten Ansatz, wie die Treibhausgasneutralität bis 2050 erreicht werden kann mit einem möglichst geringen Einfluss auf das Ökosystem. "Klimaschutz ist neben dem Umbau des Energiesystems und der Förderung erneuerbarer Energie vor allem auch die Förderung natürlicher Senken und Wälder. Deshalb arbeiten wir daran, Moore zu renaturieren und zu schützen und mehr Totholz in Wäldern zu belassen. Das hilft nicht nur dem Klima, es ist auch ein wichtiger Beitrag zum Schutz der Artenvielfalt", so Kowalski.