Die Industrie in Nordrhein-Westfalen steht durch Strukturwandel und die Transformation hin zur Klimaneutralität vor umfassenden Herausforderungen. Dabei gilt: Neben technologischen und wirtschaftlichen Aspekten ist die gesellschaftliche Akzeptanz entscheidend für den Erfolg – von der klimaneutralen Stahlproduktion über den Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft bis hin zum Umbau der Chemieindustrie. Die neue SCI4climate.NRW-Fallstudie "Lokale Akzeptanz der Industrietransformation – eine Fallstudienanalyse von Schlüsselregionen in NRW" zeigt nun anhand von fünf konkreten Beispielen aus NRW, welche Faktoren die lokale Akzeptanz fördern – und wo Konflikte entstehen können.
In ihrer Analyse zeigen Dr. Valentin Espert und Dr. Dagmar Kiyar aus der Abteilung Zukünftige Energie- und Industriesysteme des Wuppertal Instituts, dass die lokale Akzeptanz von vielen miteinander verknüpften Faktoren abhängt: "Eine große Rolle spielen eine transparente Informationspolitik, frühzeitige Beteiligungsmöglichkeiten und das Vertrauen in die verantwortlichen Institutionen und Unternehmen. Ebenso wichtig sind aber auch die wahrgenommenen Chancen und Risiken der Transformation, etwa für den Arbeitsmarkt, die regionale Wertschöpfung oder die Lebensqualität vor Ort", umreißt Espert die Ergebnisse.
Die Forschenden haben für die Fallstudie fünf Schlüsselregionen der Industrietransformation in NRW untersucht – Beckum, Duisburg, Hamm, Neuss und Hürth/Wesseling. Ihre Analyse zeigt: Regionale Erfahrungen mit industriellem Strukturwandel und lokale Identitäten sind zentral bei der Bewertung von Transformationsvorhaben. In traditionellen Industrieregionen kann eine hohe Akzeptanz für industrielle Aktivitäten angenommen werden: In Regionen wie Duisburg, Beckum oder dem Rheinland, die historisch eng mit der Industrie verbunden sind, gibt es Anhaltspunkte dafür, dass die Bevölkerung industrielle Aktivitäten oft als identitätsstiftend und als Garant für Beschäftigung und Wohlstand wahrnimmt.
Dementsprechend stoßen Maßnahmen, die bestehende Industriestandorte weiterentwickeln und modernisieren, auf vergleichsweise hohe Zustimmung – im Gegensatz zu Neubauten von Anlagen oder Leitungsinfrastrukturen auf bislang anders genutzten Flächen. Gründe dafür sind etwa Nutzungskonflikte, Eingriffe in das Landschaftsbild oder Eigentumsverhältnisse.
Ein weiterer Aspekt: Für eine erfolgreiche Transformation müssen Unternehmen auch ihre Produktionsprozesse umstellen. Hierbei zeigen sich mögliche Bedenken bei Bürger*innen hinsichtlich Beschäftigung und Wirtschaft: So können Sorgen um Arbeitsplätze, neue Qualifikationsanforderungen oder die Wettbewerbsfähigkeit der regionalen Industrie Vorbehalte hervorrufen. Einige Menschen begreifen die Industrietransformation jedoch auch als Chance, Standorte langfristig zu sichern und gleichzeitig die Umwelt- sowie Lebensqualität zu verbessern.
"Kooperative Governance-Strukturen leisten einen wesentlichen Beitrag zur Industrietransformation: Frühzeitige, kontinuierliche und verständliche Kommunikation sowie institutionalisierte Dialog- und Beteiligungsformate stärken das Vertrauen zwischen Industrie, Kommunen und Bevölkerung," erläutert Kiyar, und fügt hinzu: "Erfolgreiche Beispiele beinhalten etwa Nachbarschaftsdialoge und Informationsveranstaltungen." Dabei sei eine Kommunikation entscheidend, die nicht nur globale oder überregionale Ziele vermittelt, sondern insbesondere die konkreten Auswirkungen und Vorteile für die jeweilige Region sichtbar macht.
Die beiden Autor*innen verdeutlichen: Lokale Akzeptanz ist kein Selbstläufer, sie muss aktiv gestaltet werden. Transparente Verfahren, eine faire Verteilung von Nutzen und Belastungen sowie langfristige Dialogstrukturen sind wesentliche Voraussetzungen für eine breite Akzeptanz in der Gesellschaft.
Die Fallstudie steht über den folgenden Link kostenfrei zum Download zur Verfügung.
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