Sind ökonomische Modelle bereit für die neuen Realitäten im Welthandel?

Artikel "Trade, protectionism, and climate: Assessing analytical capacity in a changing policy landscape" bei iScience veröffentlicht

  • News 24.08.2026

Von politisch motivierten US-Zöllen über das CO2-Grenzausgleichssystem der EU (Carbon Border Adjustment Mechanism, kurz CBAM) bis hin zu Chinas Subventionspolitik: Statt Globalisierung und Kooperation dominieren im internationalen Handel zunehmend Handelsbarrieren und -konflikte, die Rückverlagerung von Lieferketten und industriepolitischer Nationalismus. Die etablierten quantitativen Modellierungs-Tools, auf die sich die Politik bei der Bewertung klimapolitischer und handelspolitischer Optionen stützt, wurden überwiegend vor dem Hintergrund zunehmender Globalisierung und dem fortschreitenden Abbau von Handelshemmnissen entwickelt und erprobt. Aber sind diese Instrumente auch unter Rahmenbedingungen mit umgekehrten Vorzeichen genauso zuverlässig? Oder müssen neue oder weiterentwickelte Modelle her, um die veränderte wirtschaftliche Realität und ihre Folgen erfassen und bewerten zu können?

Im nun bei iScience veröffentlichten Perspective Paper "Trade, protectionism, and climate: Assessing analytical capacity in a changing policy landscape" gehen zehn Forschende um Paola Rocchi vom European Institute on Economics and the Environment (EIEE) auf genau diese Frage ein.

Dr. Lukas Hermwille, Co-Leiter des Forschungsbereichs Transformative Industriepolitik am Wuppertal Institut und Co-Autor des Papers, erläutert die dahinter liegende Annahme: "Protektionismus und industriepolitischer Nationalismus sind nicht einfach eine Umkehrung der Handelsliberalisierung. Ökonomische Mechanismen, die zu Produktivitätssteigerungen geführt haben – etwa Skaleneffekte und technologische Lerneffekte – lassen sich nicht einfach symmetrisch rückabwickeln. Während eine Handelsliberalisierung Jahre braucht, um neue Kapazitäten aufzubauen, macht Protektionismus sie unter Umständen über Nacht obsolet." Die langfristigen strukturellen Auswirkungen könnten weitreichende Folgen haben – auch für den Klimaschutz: So können Handelshemmnisse und ‑konflikte den internationalen Transfer CO2-armer Technologien behindern oder eingeschränkte Marktzugänge können zu einer Fragmentierung der weltweiten GreenTech-Produktion führen – und damit die Skaleneffekte untergraben, die zur Senkung der Stückkosten grüner Technologien erforderlich sind.

In ihrem Paper beschreiben die Forschenden, wie der globale Handel Emissionen beeinflusst – und zeigen, wann und wie verschiedene Handelsregime Klimaziele behindern oder fördern können. Auf dieser Grundlage bewerten die Autor*innen, ob die derzeit verfügbaren Daten, Modellierungsrahmen und Analyseinstrumente geeignet sind, um diese relativ neuen geopolitischen Dynamiken zu erfassen und identifizieren kritische Lücken, die aktuelle Analysen einschränken. Auf dieser Basis machen die Forschenden Vorschläge zur Verbesserung von Datenintegration, Modellierungsansätzen und Szenariogestaltung – und schlagen eine Forschungsagenda vor, um die analytische Grundlage zu stärken, mit der sich die klimatischen Auswirkungen veränderter Handelsregime bewerten lassen.

Die englischsprachige Studie ist im Rahmen des Projekts ENTICE entstanden und steht über den folgenden Link kostenfrei zum Download zur Verfügung.


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