Das Dilemma der Mobilitätswende umgehen

JRF-Veranstaltung: Innovationen und Lösungen aus Nordrhein-Westfalen zum Thema Elektromobilität

Elektroauto
  • News 31.10.2018
Professor Dr. Uwe Schneidewind, Präsident des Wuppertal Instituts, sprach während der JRF-Veranstaltung "Elektromobilität – Innovationen und Lösungen aus NRW" in seinem Vortrag über Dekarbonisierung des Verkehrs. Quelle: JRF e.V.

Die Veranstaltung "Elektromobilität – Innovationen und Lösungen aus NRW" am 10. Oktober 2018, die mit 200 Gästen ausgebucht war, genoss besondere Aktualität. Nach dem heißen Jahrhundertsommer und immer noch sommerlichen Temperaturen bei der Veranstaltung Mitte Oktober wurde die Bedeutung des Pariser Klimaschutzabkommens deutlich. Dennoch wurde nur wenige Wochen vorher verkündet, dass Deutschland die Klimaziele verpassen werde. Im Diesel-Streit hatte sich die große Koalition wenige Tage zuvor nach langem Ringen mit den Automobilkonzernen auf ein Diesel-Paket geeinigt, um Fahrverbote in deutschen Städten zu vermeiden. Zeitgleich besetzten Aktivistinnen und Aktivisten den Hambacher Forst, forderten das Ende des Braunkohletagebaus und erwirkten einen Rodungsstopp des alten Waldstücks.

Diese Hintergründe rahmten die Veranstaltung, bei der es bei weitem nicht nur um Elektromobilität als technologisches Instrument und Baustein einer Verkehrswende ging. Vielmehr war die Elektromobilität thematischer Ausgangspunkt für die Beschäftigung mit zukünftigen Mobilitätskonzepten, der Rolle von Politik und Gesellschaft und der engen Verknüpfung zwischen Mobilitäts- und Energiewende.
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den vier JRF-Instituten Wuppertal Institut, ILS – Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung, ZBT – Zentrum für BrennstoffzellenTechnik und DST – Entwicklungszentrum für Schiffstechnik und Transportsysteme beleuchteten das Thema aus jeweils unterschiedlichen fachlichen Perspektiven. Der Direktor der Forschungseinrichtung FIR, Prof. Dr. Günther Schuh, stellte zudem das kostengünstige E-Auto e.GO Life vor und skizzierte eine Vision für die Zukunft der urbanen Mobilität.

"Es braucht 'Zukunftskunst' für gesellschaftlichen Wandel!"

Prof. Dr. Uwe Schneidewind, Präsident des Wuppertal Instituts, führte in seinem Vortrag "Dekarbonisierung des Verkehrs – Perspektiven 2030/2050" aus, dass es in Umbruchphasen wie derzeit "Zukunftskunst" brauche, um den technischen, ökonomischen, ökologischen und politischen Herausforderungen zu begegnen. Er definierte sieben Arenen der Großen Transformation: Wohlstand-/Konsumwende, Energiewende, Ressourcenwende, Ernährungswende, urbane Wende, Mobilitätswende und industrielle Wende. Dabei sei die Mobilitätswende einer der Schüsselbausteine, insbesondere in der Frage, ob die Energiewende gelingt.

Beim Thema Mobilität sei in Deutschland seit dem Jahr 1990 jedoch wenig geschehen. Denn es gehe um weitaus mehr als nur um den Austausch von Motoren. Die Ansatzpunkte seien "vermeiden, verlagern und verbessern": Wenn der Verkehr bis 2035 dekarbonisiert betrieben werden soll, müsse vor allem der individuelle Personenverkehr massiv an Energie einsparen und eine Verlagerung erfolgen – zugunsten der Wege, die zu Fuß, mit dem Fahrrad und mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurückgelegt werden. Der Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor berücksichtige dabei "drei Schwestern":

  • Die Faktor-10-Mobilität einer wirklichen Mobilitätswende. Hierbei wird die Frage beantwortet, wie wir in Zukunft den Verkehr in unseren Städten mit nur noch einem Zehntel der PKW organisieren können,
  • die Sektorkopplung – eine auf die Umstellung auf Elektromobilität zeitlich und vom Umfang her angepasste Energiewende,
  • und eine konsequente automobile Kreislaufwirtschaft.

Die Dimensionen der Mobilitätswende seien folglich vielfältig. Neben den technologischen Möglichkeiten – Elektromobilität, Brennstoffzellen, autonomes Fahren – müssten auch ökonomische Veränderungen her, wie neue Geschäftsmodelle, Wettbewerber und ökonomischer Strukturwandel. Die Politik spiele hierbei eine wichtige Rolle, da sie verantwortlich sei für Ansätze neuer Mobilitätspolitik auf europäischer, nationaler und regionaler Ebene. Nicht zuletzt sei auch die kulturelle Dimension bedeutend. Besonders im Vergleich der Generationen stelle sich heraus, dass die Verständnisse urbaner Lebensqualität sehr unterschiedlich sind und junge Menschen in Großstädten den eigenen Pkw nicht mehr als Statussymbol und Must-have ansehen.

Als Fazit skizzierte Professor Schneidewind acht Dilemmata der Mobilitätswende, wonach zahlreiche Zielkonflikte das Umsteuern erschwerten. Beispielsweise stellten sich die Fragen, ob die Welt oder der Wirtschaftsstandort Deutschland gerettet werden solle oder wessen Interessen im Konflikt um begrenzten Straßenraum mehr zählten. Schneidewind verwies dabei auf sein kürzlich erschienenes Buch "Die Große Transformation – Eine Einführung in die Kunst gesellschaftlichen Wandels", das sich diesen und weiteren Fragestellungen widmet.

Die komplette Berichterstattung zur JRF-Veranstaltung ist im nachfolgenden Link zu finden.