Kreislaufwirtschaft – der smarte Weg zu Klimaneutralität, Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz

Ein Statement von Prof. Dr. Henning Wilts, Leiter der Abteilung Kreislaufwirtschaft am Wuppertal Institut, und Dietmar Gründig, Leiter Arbeitsgebiet Industrie bei der Deutschen Energie-Agentur

  • Statements 02.10.2025

Das Recycling von Grundstoffen bietet die Möglichkeit, den Klimafußabdruck der Industrie massiv zu reduzieren – und könnte Deutschland einen Innovationsvorsprung sichern. Doch die Transformation zur Kreislaufwirtschaft geht zu langsam voran, schreiben Henning Wilts vom Wuppertal Institut und Dietmar Gründig von der Deutschen Energie-Agentur. In ihrem Statement machen sie Vorschläge für notwendige Maßnahmen, damit Unternehmen in neue, zirkulär ausgerichtete Produkte und Verfahren investieren.

Klimaneutralität wäre ein einfaches Ziel, wenn erneuerbare Energie unbegrenzt zur Verfügung stehen würde. Leider tut sie das nicht, und der beschleunigte Hochlauf ist eine enorme Herausforderung für die deutsche Wirtschaft. Zudem gelten die Zulieferketten für viele der für die Produktion notwendigen Rohstoffe als kritisch, zum Beispiel weil sie massiv abhängig sind von Importen aus China.

Genau hier setzt die Kreislaufwirtschaft in der Grundstoffindustrie an, die in Deutschland häufig noch immer mit der sicheren Entsorgung von Abfällen verwechselt wird. Betrachtet man Produktionsverfahren für Materialien wie Zement, Stahl oder auch Kunststoff, so lassen sich diese durch hochwertige Recyclingverfahren mit 50 bis 90 Prozent weniger Energiebedarf herstellen, im Vergleich zur klassischen Gewinnung von Primärrohstoffen.

Aus Sicht der Industrie bietet die Kreislaufwirtschaft damit einen kosteneffizienten Ansatz, den Klimafußabdruck massiv zu reduzieren – und dabei Verfahren nutzen zu können, bei denen Deutschland tatsächlich noch über einen echten Innovationsvorsprung verfügt. Gleichzeitig stärkt eine Kreislaufwirtschaft die regionale Produktion, indem Materialien lokal gesammelt, aufbereitet und wiederverwendet werden: Dadurch entstehen neue Produkte oder innovative Geschäftsmodelle mit regionalem Bezug.

Zirkuläre Geschäftsmodelle

Die zentrale Herausforderung aus Sicht der Grundstoffindustrie ist der Aufbau zirkulärer Geschäftsmodelle: Man will sich ja nicht selber abschaffen, sondern die Rückgewinnung von Rohstoffen in die eigenen Prozesse integrieren – was einfacher klingen mag, als es ist. Häufig genug wissen die Unternehmen überhaupt nicht, wo ihre Produkte und Materialien am Ende der Nutzungsphase bleiben, beziehungsweise wie man sie zurückbekommen könnte, um sie dann zu recyceln.

Innovative Unternehmen wie der Kunststoffverarbeiter Pöppelmann oder die ZINQ GmbH & Co. KG, die Stahlteile verzinkt, zeigen, dass das Erfolgsgeheimnis darin liegt, möglichst früh in der Wertschöpfungskette anzusetzen: Schon das Produktdesign entscheidet über den Erfolg, denn bereits hier wird festgelegt, ob Produkte aus recycelten Werkstoffen hergestellt und nach Nutzungsende kosteneffizient recycelt werden können.

Wie Pöppelmann weiß, lässt sich Neuware in der Kunststoffindustrie nicht immer eins zu eins durch Rezyklate ersetzen – aber oft reichen kleine Änderungen im Design, um Rezyklate nutzen zu können und die Recyclingfähigkeit zu steigern. Auch ZINQ arbeitet mit einem zirkulären Geschäftsmodell und will CO2-Emissionen, Abfall und Verschmutzung auf Null runterfahren. Deswegen sind alle Oberflächen auf eine maximale Lebens- und Nutzungsdauer von bis zu 100 Jahren, schadstofffreie Materialien und komplette Wiederverwertung ausgelegt; also zirkulär designt und Cradle-to-Cradle- zertifiziert. Beide Unternehmen arbeiten eng zusammen mit Lieferanten, Herstellern und Kunden – und machen alle Informationen zu Umweltauswirkungen in Digitalen Produktpässen transparent: von der Herstellung über die Nutzung bis zur Wiederverwertung von Produkten.

Deutschland kommt nur in Minischritten voran

Solche Leuchtturmprojekte und Vorreiter-Unternehmen dürfen jedoch nicht den Blick darauf verstellen, dass Deutschland bei der Transformation zur Kreislaufwirtschaft in den letzten Jahren nur in Minischritten vorangekommen ist – und damit vor der Gefahr steht, seine eigentlich hervorragende Ausgangsposition für diesen grünen Zukunftsmarkt zu verspielen: Während in Deutschland aktuell circa 17 Prozent der Rohstoffe in der Industrie aus dem Recycling kommen, liegt der Anteil in den Niederlanden bereits bei über 30 Prozent, mit entsprechenden Vorteilen für die Resilienz der Lieferketten, wenn einheimischer "Abfall" genutzt wird statt importierter Rohstoffe.

Die Bundesregierung hat mit der Ende 2024 verabschiedeten Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie (NKWS) ein wichtiges Signal gesetzt, Rahmenbedingungen für eine beschleunigte Transformation zur Kreislaufwirtschaft schaffen zu wollen – auch auf Druck einer seltenen Koalition von Umwelt-NGOs und Akteur*innen wie dem BDI, der zirkuläre Produktion als eine der zentralen Voraussetzungen für die Wettbewerbsfähigkeit am Industriestandort Deutschland ansieht. Die neue Bundesregierung hat sich im Koalitionsvertrag zu einer pragmatischen Umsetzung dieser Strategie verpflichtet und ein entsprechendes Eckpunktepapier angekündigt, welche Maßnahmen jetzt mit Priorität umgesetzt werden sollen.

Mit Blick auf diesen Prozess haben sich mit der Deutschen Energie-Agentur, dem Wuppertal Institut und dem Verband der Klimaschutz-Unternehmen drei sehr unterschiedliche Akteur*innen zusammengetan, um die Schnittmenge der notwendigen Maßnahmen zu identifizieren: Was braucht Deutschland, um durch Kreislaufwirtschaft Versorgungssicherheit zu erhöhen, Wettbewerbsfähigkeit auszubauen und damit zur Nachhaltigkeit beizutragen? Das jetzt veröffentlichte Impulspapier – kostenfrei verfügbar über den untenstehenden Link – benennt dazu 18 sehr konkrete Handlungsansätze, die im Kern auf einen verlässlichen Marktrahmen für die Kreislaufwirtschaft abzielen: Unternehmen brauchen vor allem langfristige Planungssicherheit, wenn sie in neue, zirkulär ausgerichtete Produkte und Verfahren investieren sollen. Dazu gehören zum Beispiel Anreizstrukturen wie die konsequente (gesetzlich vorgesehene, in der Praxis aber kaum umgesetzte) Ausrichtung der öffentlichen Beschaffung auf kreislauffähige Produkte.

Wettbewerb zwischen Kreislauf- und linearer Wirtschaft ermöglichen

Ein wesentlicher Punkt wäre die Schaffung eines Ordnungsrahmens, der einen fairen Wettbewerb zwischen Kreislaufwirtschaft und klassischer linearer Wirtschaft ermöglicht. Nicht überall macht Kreislaufwirtschaft heute schon Sinn – das zu entscheiden, wäre jedoch Aufgabe des Marktes, beziehungsweise der Innovationskraft der Unternehmen, und sollte nicht durch Subventionen versucht werden zu steuern (wieso beispielsweise ist Erdöl von der Energiesteuer befreit, wenn daraus Plastik hergestellt wird?). Sobald Preise die ökologische Wahrheit sagen und Billigprodukte nicht auch deshalb bevorteilt werden, weil wir als Konsument*innen für ihre Entsorgung bezahlen, werden sich viele zirkuläre Geschäftsmodelle auch aus Sicht der Unternehmen rechnen – die dann ihre Investitionen entsprechend umlenken werden.

Gleichzeitig stehen Lösungskonzepte für die Kreislaufwirtschaft auch im internationalen Wettbewerb und die Politik sieht sich vor die Aufgabe gestellt, geeignete Infrastrukturen und Finanzierungsangebote zu entwickeln, damit der Wirtschaftsstandort Deutschland am Ende tatsächlich zu den Gewinnern dieser Transformation gehört – und nicht schon wieder Lösungen hier vorgedacht, aber anderswo am Markt umgesetzt werden.

Auch die jetzt geplante nationale Plattform zur Umsetzung der NKWS sollte nicht der Versuchung erliegen, sich in technischen Details verlieren, sondern die vorhandenen Kräfte bündeln – damit die nächsten Amazons, Googles oder Teslas der Kreislaufwirtschaft hier in Deutschland entstehen und zu einer nachhaltigen Wertschöpfung beitragen. Wichtig dafür ist ein Verständnis von Kreislaufwirtschaft nicht als technische Vorgabe und Pflichtaufgabe, sondern als eine Mission, eine gemeinsame Kraftanstrengung – von der mittel- und langfristig alle Akteur*innen profitieren würden.

 

Dieses Statement ist am 26. September 2025 bei Tagesspiegel Background erschienen.


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