EU-Emissionshandel: Der Preis der Ungewissheit

Auch kosmetische Reformen am EU-ETS können die Statik der europäischen Klimaschutzarchitektur gefährden

  • News 26.05.2026

In der aktuellen Debatte um die Reform des EU-Emissionshandels wird der Ruf nach kurzfristigen Entlastungen für die Industrie laut. Doch dabei ist Vorsicht geboten: Wer den EU-ETS (EU Emissions Trading System) schwächt, um kurzfristig Margen zu stützen, riskiert die Statik des gesamten EU-Emissionshandels. Das schreibt Dr. Lukas Hermwille, Co-Leiter des Forschungsbereichs Transformative Industriepolitik am Wuppertal Institut, in einem aktuellen Beitrag in den VIK-Mitteilungen, dem offiziellen Fachmagazin des Verbands der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft e.V. (VIK).

Hermwille argumentiert, dass eine Reform, die lediglich den Preisdruck mindern soll, zu kurz greift – und die langfristige Glaubwürdigkeit des gesamten Systems untergraben könnte. Im Artikel "Der Preis der Ungewissheit: Auch kosmetische Reformen am Emissionshandel können die Statik der europäischen Klimaschutzarchitektur gefährden" formuliert er drei zentralen Thesen:

  1. Der CO2-Preis basiert maßgeblich auf politischem Vertrauen in die Knappheit der CO2-Zertifikate. Wenn die Politik an dieser Statik rüttelt, entzieht sie industriellen Vorreitern die Kalkulationsgrundlage. Politisches Zaudern kann so zu einem handfesten Investitionshindernis werden.
  2. Der Industrie fehlen in vielen Fällen nicht die Mittel – siehe die massiven Aktienrückkaufprogramme einiger Großkonzerne. Stattdessen fehlen Möglichkeiten für zukunftsfeste Investitionen am Standort Europa. Eine Schwächung des EU-ETS löst dieses strukturelle Problem nicht, sondern verschärft stattdessen die Unsicherheit darüber, welche Spielregeln morgen im Emissionshandel gelten.
  3. Sollte der Emissionshandel als marktwirtschaftliches Leitinstrument an mangelnder Glaubwürdigkeit scheitern, bliebe der Politik nach dem Klima-Urteil des Bundesverfassungsgerichts nur der Rückgriff auf – vermutlich deutlich ineffizienteres – Ordnungsrecht. Das wäre für den Industriestandort am Ende weitaus teurer.

Forderung nach Reform des EU-ETS schickt Börsenkurse von Klimaneutralitäts-Vorreitern auf Talfahrt

Seine Thesen illustriert Hermwille im Artikel mit einem konkreten Beispiel: Als Bundeskanzler Friedrich Merz im Februar 2026 auf einem Wirtschaftsgipfel in Antwerpen den europäischen Emissionshandel infrage stellte, reagierten die Märkte sofort: Bereits am nächsten Tag gab es nicht nur einen Kurssturz bei den CO2-Zertifikaten, auch die Börsenkurse von Unternehmen wie Salzgitter oder Heidelberg Materials – beides Unternehmen, die als Vorreiter bereits Milliarden in die Umstellung ihrer Produktionsprozesse auf Klimaneutralität investiert haben – brachen um knapp neun und gut zwölf Prozent ein. Und das obwohl Merz’ Aussagen keine unmittelbaren Auswirkungen auf die Grundlagen des Emissionshandels hatten.

"Wir brauchen keine Reformen, die den Druck nur kurzfristig lindern, sondern solche, die die mittel- bis langfristige Investitionsperspektive stärken: Nur ein stabiler und glaubwürdiger Emissionshandel bietet einen verlässlichen Rahmen, den die Industrie für die Transformation zur Klimaneutralität braucht," so das Fazit des Wissenschaftlers.

Der Artikel "Der Preis der Ungewissheit: Auch kosmetische Reformen am Emissionshandel können die Statik der europäischen Klimaschutzarchitektur gefährden" steht über den folgenden Link kostenfrei zum Download bereit.


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