Hohe Kosten für Energie und Rohstoffe machen der europäischen Chemieindustrie zu schaffen. Außerdem müssen Produktionsprozesse kreislauffähig und klimaneutral umgestaltet werden. Daher befindet sich die energieintensive Branche an einem kritischen Wendepunkt. Das neue Paper "Unpacking Competitiveness: Shaping Markets as the Way Forward for the European Chemical Industry" beleuchtet diese Herausforderungen für die Wettbewerbsfähigkeit konzeptionell. Außerdem analysieren die Autor*innen kreislaufwirtschaftliche Maßnahmen und deren Potential, einen Beitrag zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit in einer sich wandelnden globalen Landschaft zu leisten.
Bisher ist es der europäischen Chemieindustrie gelungen, die strukturellen Nachteile hoher Energie- und Rohstoffkosten durch tiefere Integration in symbiotische Stoffverbünde zu kompensieren, wobei die Abfälle eines Unternehmens zum Rohstoff eines anderen Unternehmens werden. Dies stellen Dr. Lukas Hermwille, Co-Leiter des Forschungsbereichs Transformative Industriepolitik am Wuppertal Institut, und Miriam Ruß, ehemalige Researcherin am Wuppertal Institut, in ihrem Paper fest. Aber die Kostennachteile würden immer größer und ließen sich ohne massive Investitionen in innovative Technologien nicht länger kompensieren, so die Forschenden: Entscheidend seien stabile politische Rahmenbedingungen für Planungssicherheit bei Investitionen. Insbesondere brauche es Märkte, die nicht nur die physischen Eigenschaften der Materialen bewerten, sondern auch deren Umweltattribute – also etwa den Recyclinganteil oder die bei der Produktion entstehenden Treibhausgase. Verpflichtende Quoten und Leitmärkte könnten dazu dazu beitragen, nachhaltige Produkte wettbewerbsfähig zu machen. Die Autor*innen legen Unternehmen nahe, sich mit ihrem Produktportfolio darauf einzustellen, dass Kunststoffe, die sich besonders leicht wiederverwerten lassen, wie beispielsweise PET, bei den industriellen Kunden zukünftig stärker gefragt sein könnten.
"Die Transformation der Spezialchemie mit ihren schätzungsweise über 75.000 Produkten ist dabei eine besondere Herausforderung: Einerseits ist dieser Teil der Branche noch verhältnismäßig wettbewerbsstark, auch wegen der hohen Innovationskraft in Europa. Andererseits lassen sich die Produkte nur sehr schwer recyceln und ihre Produktion ist aktuell fast vollständig von den integrierten fossilen Stoffverbünden abhängig," erklärt Hermwille. Damit die Chemiebranche auch in einer dekabornasierten Wirtschaft wettbewerbsfähig bleibt, müssten Spezialchemikalien von fossilen Rohstoffen entkoppelt werden. Dafür seien gezielte Investitionen in Forschung und Entwicklung notwendig. Außerdem empfehlen die Autor*innen, das Geschäftsmodell des sogenannten Chemikalien-Leasings weiter zu erkunden: Dabei behalten herstellende Unternehmen das Eigentumsrecht an den Chemikalien und können so gegebenenfalls auch von gesamtwirtschaftlichen Effizienzen profitieren, die im konventionellen Geschäft nicht in Wert gesetzt werden können.
Die Veröffentlichung ist im Rahmen des Projekts TRANSIENCE entstanden, in dem Forschende den doppelten Wandel von Dekarbonisierung und Kreislaufwirtschaft untersuchen. Dazu charakterisieren und bewerten sie kreislaufwirtschaftliche Prinzipien und Maßnahmen im Hinblick auf die Dekarbonisierung.
Das Paper ist über den untenstehenden Link kostenfrei abrufbar.
Das Projekt TRANSIENCE wird durch das HORIZONT EUROPA Rahmenprogramm der Europäischen Union für Forschung und Innovation unter Grant Agreement Nr. 101137606 gefördert.
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