Top 10 Publikationen des Jahres 2017

Mit dieser Auswahl seiner zehn wichtigsten wissenschaftlichen Publikationen im Jahr 2017 möchte das Wuppertal Institut einen Einblick in den Stand seiner international wahrgenommenen Forschungsarbeit vor dem Hintergrund seines transdisziplinären Forschungsansatzes geben.

Modellierung und transdisziplinäre Methoden

Terrapon-Pfaff, Julia; Fink, Thomas; Viebahn, Peter; Jamea, El Mostafa
Determining significance in social impact assessments (SIA) by applying both technical and participatory approaches: Methodology development and application in a case study of the concentrated solar power plant NOORO I in Morocco

In: Environmental Impact Assessment Review 66 (2017), S. 138–150

Eines der wichtigsten Ziele des "Impact Assessments" ist es, potenziell signifikante Auswirkungen zu ermitteln. Jedoch wurde der Bestimmung der Signifikanz von Auswirkungen im Rahmen des "Social Impact Assessments" (SIA) bisher wenig Aufmerksamkeit beigemessen. Daher liegen kaum Forschungsergebnisse und Berichte über Ansätze, Erhebungsinstrumente und Auswertungsmethoden vor, besonders in Bezug auf partizipative und kombinierte partizipatorisch-technische Ansätze. Ziel dieser Studie ist es, sich dieser Forschungslücke zu widmen, indem eine kombinierte partizipatorisch-technische SIA mit Fokus auf Signifikanz entwickelt und angewendet wurde. Hierfür wurde eine Studie genutzt, in der die Auswirkungen des Solarkraftwerkes NOORO I in Ouarzazate, Morokko auf die Lebenssituation untersucht wurde.
Die Analyse zeigt, dass zwar unterschiedliche Ansätze und Signifikanzkriterien angewendet werden müssen, wenn sowohl lokale Stakeholder als auch Expertinnen und Experten einbezogen werden, der entwickelte kombinierte Ansatz jedoch zuverlässigere Ergebnisse und eine verbesserte Entscheidungsgrundlage bietet. Außerdem konnte festgestellt werden, dass Auswirkungen, die soziale, kulturelle und politische Bereiche berühren, öfter als bedeutend eingestuft wurden, als Auswirkungen auf körperliche und materielle Lebensbereiche. Im Bezug auf die Nachhaltigkeitsprüfung von großen Anlagen für erneuerbare Energien unterstreichen die Studienergebnisse die Wichtigkeit soziale Aspekte beim SIA einzubeziehen.

Samadi, Sascha
The social costs of electricity generation: Categorising different types of costs and evaluating their respective relevance

In: Energies 10 (2017), 356

Die Kosten unterschiedlicher Stromerzeugungstechnologien werden in verschiedenen vorliegenden Studien miteinander verglichen. Die meisten dieser Studien betrachten jedoch lediglich die privaten Stromgestehungskosten, nicht aber die zusätzlichen Kosten, die für die Gesellschaft durch die Nutzung dieser Technologien entstehen können. Dieser Fachartikel fasst die Literatur zu den Kosten von Stromerzeugungstechnologien zusammen und leitet ab, welche unterschiedlichen Arten von Kosten für die Gesellschaft relevant sind. Dazu werden die relevanten Kostenarten kategorisiert und deren jeweilige Relevanz für unterschiedliche Stromerzeugungstechnologien bewertet. Die Erkenntnisse des Artikels verdeutlichen, dass nicht nur die privaten Stromgestehungskosten wichtig sind, sondern auch Systemkosten sowie externe Kosten eine bedeutende Rolle spielen, wenn die Kosten von Stromerzeugungstechnologien aus gesellschaftlicher Sicht betrachtet und verglichen werden sollen. Die Erkenntnisse können unter anderem für energiepolitische Entscheidungsträger sowie für Energiesystemmodellierer von Interesse sein. Letztere können prüfen, inwieweit ihre jeweiligen Modelle die gesellschaftlich relevanten Kosten der Stromerzeugung berücksichtigen.

Samadi, Sascha; Gröne, Marie-Christine; Schneidewind, Uwe; Luhmann, Hans-Jochen; Venjakob, Johannes; Best, Benjamin
Sufficiency in energy scenario studies: Taking the potential benefits of lifestyle changes into account

In: Technological Forecasting & Social Change 124 (2017), S. 126–134

Ein Großteil der Studien zu Energieszenarien, welche Grundlage der Meinungsbildung politischer Entscheidungsträger bilden, berücksichtigen den positiven Einfluss eines Lebensstilwandels hin zur Nachhaltigkeit nicht. In den Studien werden hauptsächlich notwendige Entwicklungen aufgezeigt, die zu einem Energiesystem führen, welches das Erreichen der politischen Ziele wie beispielsweise die Reduktion von Treibhausgasen ermöglicht. Wissenschaftler vom Wuppertal Institut bemängeln, dass ein Lebensstilwandel zu einem suffizienteren Umgang mit Energie in diesen Studien nicht berücksichtigt wird, obgleich ein solcher Wandel beachtlichen, eventuell sogar maßgeblichen, Einfluss auf das Erreichen der Politikziele hat. Aus diesem Grund sollten auch Energieszenario-Studien dieses Potenzial reflektieren, um wirklich umfassend beraten zu können.

Buhl, Johannes; Geibler, Justus von; Echternacht, Laura; Linder, Moritz
Rebound effects in Living Labs: Opportunities for monitoring and mitigating re-spending and time use effects in user integrated innovation design

In: Journal of Cleaner Production 151 (2017), S. 592–602

Der Erfolg nachhaltiger Produkt- und Service-Innovationen wird oft durch geringe Marktakzeptanz oder unerwartete Konsummuster vermindert. Zu Letzterem gehören auch Reboundeffekte, welche immer dann auftreten, wenn Ressourcen, die eingespart wurden, dann für weiteren Konsum genutzt werden. Neue Forschung im Bereich Living Lab möchte die Herausforderungen bei der Konzeption neuer Innovationen adressieren und antizipieren, indem die Nutzer bereits in die Entwicklung der Prototypen und Testphasen von Produkt- und Service-Innovationen mit einbezogen werden sollen. Der Artikel fasst aktuelle Literatur zum Thema Rebound-Effekte zusammen und ergänzt sie durch Experteninterviews, welche die Methoden zum Monitoring und Messen zur Verminderung von Rebound-Effekten im frühen Stadium der Konzeption von Innovationen mithilfe von Forschung zu Living Labs identifizieren. Es zeigt sich, dass Living Labs der Forschung erlauben, komplexe Verhaltensmuster nachzuverfolgen, indirekte Zeitnutzungs- und Re-Spending-Effekte zu beobachten und (sie erlauben der Rebound-Forschung,) interventionistische Designs zu realisieren.


Klima-, Energie- und Ressourcenwende

Hermwille, Lukas; Obergassel, Wolfgang; Ott, Hermann E.; Beuermann, Christiane
UNFCCC before and after Paris: What's necessary for an effective climate regime?

In: Climate Policy 17 (2017), S. 150–170

Was kann realistischerweise vom UNFCCC Prozess und der Klimakonferenz in Paris 2015 erwartet werden? Um einen transformativen Umbruch zu erreichen, müssen vorherrschende, nicht nachhaltige Routinen, die in den sozio-ökonomischen Systemen fest eingebunden sind, in neue und nachhaltige Routinen übersetzt werden. Der Syntheseartikel konzeptualisiert die Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (UNFCCC) und die dazugehörigen Politikprozesse als Katalysator für diese Übersetzung, indem ein strukturationstheoretisches Regimemodell angewandt wird. Das Modell unterscheidet analytisch zwischen Rules (Normen und kollektivem Verständnis) und Resources (Finanz- und Produktionsmitteln sowie autoritärer und allokativer Macht). Außerdem erlaubt es Handeln (Agency) über die nationalstaatliche Ebene hinaus auf verschiedenen Ebenen zu begreifen. Die Analyse ergibt, dass der begrenzte Fokus der UNFCCCs auf Emissionen und somit auf Ressourcen ineffektiv ist. Die statische Aufteilung in Industrie- und Entwicklungsländer in den Annexen der Konvention in Kombination mit dem Konsensprinzip hat bisher ambitionierten Klimaschutz verhindert. Der Artikel schlussfolgert, dass die UNFCCC besser geeignet ist, handlungsleitende Struktur in Form von Rules zu bieten. Die UNFCCC sollte deshalb bewusst verstärkt auf die Schaffung von Normen und kollektivem Verständnis setzen, um effektiver zum globalen Klimaschutz beizutragen.

Wesseling, Joeri H.; Lechtenböhmer, Stefan; Åhman, Max; Nilsson, Lars J.; Worrell, Ernst; Coenen, Lars
The transition of energy intensive processing industries towards deep decarbonization: Characteristics and implications for future research

In: Renewable and Sustainable Energy Reviews 79 (2017), S. 1303–1313

Die energieintensiven Verarbeitungsindustrien (EPIs) – dazu gehören vor allem die Stahl-, Aluminium-, Chemikalien-, Zement-, Glas-, Papier- und Zellstoffindustrie - sind verantwortlich für einen großen Teil der weltweiten Treibhausgasemissionen. Um die Emissionsziele für 2050 zu erreichen, ist in diesen Branchen eine beschleunigte Transition hin zur vollständigen Dekarbonisierung erforderlich. Einblicke aus soziotechnischen und innovativen Systemperspektiven sind notwendig, um ein besseres Verständnis für die Steuerung und Erleichterung dieses Prozesses zu entwickeln. Bisher beinhaltete die Literatur zu Transition nicht die EPIs.
In dem Paper werden die EPIs in der Transition-Literatur positioniert, indem sie die soziotechnischen und innovativen Systeme in Bezug zu Branchenstrukturen, Innovationsstrategien, Netzwerken, Märkten und staatlichen Interventionen setzen. Die Autoren untersuchen, wie diese Merkmale den Wandel zur vollständigen Dekarbonisierung beeinflussen könnten, und identifizieren Lücken in der Literatur. Daraus resultierend formulieren sie eine Agenda für weitere Forschungen zu EPIs unter Berücksichtigung politischer Implikationen.

Bahn-Walkowiak, Bettina; Wilts, Henning
The institutional dimension of resource efficiency in a multi-level governance system: Implications for policy mix design

In: Energy Research & Social Science 33 (2017), S. 163–172

Der Beitrag untersucht das Verhältnis von Institutionen und Policy-Mixes innerhalb des Mehrebenen-Geltungsbereichs der Europäischen Union im Politikfeld der Ressourceneffizienz und zeigt verschiedene Konfigurationen auf. Auf der Grundlage einer ausführlichen Analyse von Umfang, Schwerpunkten, Instrumenten und besonders der Verteilung von institutionellen Zuständigkeiten in 32 EU-Ländern, zielt die Arbeit darauf ab, die von Rogge und Reichardt entwickelte Kategorisierung von Policy-Mix-Eigenschaften durch Untersuchung des institutionellen Hintergrundes von Policy-Mixes zu vertiefen. Besonders die mögliche Auswirkung von verschiedenen institutionellen Aufbauten auf die Beständigkeit und Kohärenz der Ansätze in diesem sich entwickelnden Politikbereich werden hinterfragt. Ressourceneffizienz ist ein in hohem Maße bereichsübergreifendes Politikkonzept und ist aufgrund der erkennbaren Heterogenität von Implementierungsansätzen ein besonders interessantes Analyseobjekt. Es ist jedoch noch immer weitgehend von Energiefragen abgekoppelt. Zusätzlich hat sich die EU-Politik gleichzeitig auf den Ansatz der Kreislaufwirtschaft verlagert, was auf eine weitere Straffung des Ansatzes der Ressourceneffizienz hindeutet. Die Arbeit hebt die Notwendigkeit hervor, institutionelle und Multi-Level-Governance-Fragen in die Politikgestaltung und die Entwicklung von Policy-Mixes einzubeziehen, insbesondere im Zusammenhang mit der jetzt neu ausgerichteten Ressourceneffizienzagenda zum Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft.

Berlo, Kurt; Wagner, Oliver; Heenen, Marisa
The incumbents' conservation strategies in the German energy regime as an impediment to re-municipalization: An analysis guided by the multi-level perspective

In: Sustainability 9 (2017), 53

Nach zwei Jahrzehnten der Privatisierung und des Outsourcing als vorherrschende Trends kann wieder eine Entwicklung hin zur Gründung kommunaler Stadtwerke beobachtet werden. In dem Artikel werden Strategien zur Erhaltung des deutschen Energieregimes unter Anwendung der Transition-Methode von Geels betrachtet. Aus der Multi-Level-Perspektive lässt sich ihrer Analyse nach feststellen, dass Innovationen in Nischen ablaufen und die Hindernisse und Hartnäckigkeit des konventionellen, fossilen und nuklearen Energieregimes bewältigt werden müssen. Mittels einer empirischen Analyse kommen die Autoren zu dem Ergebnis, dass das bestehende Regime die Dezentralisierung, welche für die Transformation der Energiestrukturen notwendig ist, signifikant verzögert. Des Weiteren lässt sich feststellen, dass Stadtwerke wichtige Schlüsselakteure der deutschen Energiewende sind, da sie die lokale Energieversorgung gewährleisten und eine Reihe der Voraussetzungen dafür erfüllen, einen fundamentalen Strukturwandels voranzubringen. Der Trend der Re-Kommunalisierung und Neugründung von Stadtwerken zeigt das Bedürfnis, kommunale Politik wieder zu stärken.


Sektorbezogene Wenden: Mobilität & Ernährung

Oliver Lah
Continuity and change – dealing with political volatility to advance climate change mitigation strategies: Examples from the transport sector

In: Sustainability 9 (2017), 959

Wie der Ausstieg der Vereinigten Staaten aus dem Pariser Abkommen zeigt, wirkt sich die politische Volatilität direkt auf die Klimaschutzpolitik aus. Das gilt insbesondere für Sektoren wie den Verkehr, die mit langfristigen Investitionen von Einzelpersonen (Fahrzeugen) sowie lokalen und nationalen Regierungen (Stadtform sowie Verkehrsinfrastruktur und Dienstleistungen) einhergehen. Der Verkehrssektor bietet ein großes noch nicht ausgeschöpftes Potenzial für kostengünstige Lösungen zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen und zur Verbesserung der Nachhaltigkeit. Die nun veröffentlichte Studie zielt darauf ab, einige etablierte politikwissenschaftliche Theorien über Klimaschutz im Verkehrssektor zu untersuchen, um Faktoren zu identifizieren, die dazu beitragen könnten, Erfolge von Richtlinien und Strategien in diesem Sektor zu erklären.

Pfeiffer, Cynthia; Speck, Melanie; Strassner, Carola
What leads to lunch: How social practices impact (non-) sustainable food consumption/eating habits

In: Sustainability 9 (2017), 1437

Der Bereich der Ernährung steht in den kommenden Jahrzehnten vor einer Vielzahl von Herausforderungen. Diese resultieren unter anderem aus den globalen Konsummustern, die zu einem hohen Ressourcenverbrauch führen. Die Akteure im Catering-Sektor haben Schwierigkeiten, Akzeptanz bei den Konsumenten für nachhaltigere Lösungen im Sektor zu erzeugen. Daher muss die Frage gestellt werden, wie das Verbraucherverhalten beeinflusst werden kann, um einen Übergang zu einem nachhaltigeren Lebensmittelkonsum herbeizuführen. Dieser Artikel präsentiert Resultate einer qualitativen Bewertung der Essgewohnheiten. Eine Gruppe aus zehn Konsumenten nahm an problemzentrierten Interviews teil und lieferte innerhalb von zwei Wochen Daten zu ihrem Essverhalten außer Haus. Unter Verwendung des theoretischen Ansatzes der Praxistheorie wurden die gesammelten Daten genutzt, um ein Verständnis der Praxis des Essens außer Haus, mit einem Fokus auf die täglichen Routinen, welche die Entscheidungen der Verbraucher beeinflussen, zu entwickeln. Die Ergebnisse zeigen, dass die Praxis des Essens außer Haus von externen Faktoren abhängt. Stressige Lebensstile, Mobilitätsroutinen und ein vermeintlicher Zeitmangel führen zu der Entscheidung, auswärts zu essen. Konsumenten treffen die Entscheidung bewusst, um Zeit und Anstrengung zu sparen sowie ihre Zeitpläne zu straffen. Die Mobilität scheint ein wichtiger Treiber zu sein. Die Teilnehmer versuchen es zu vermeiden, häufig auswärts zu essen, was jedoch durch spontane Mahlzeiten zwischen den Terminen nicht eingehalten werden kann. Die Erkenntnisse zeigen, dass das Wissen über Ernährung und eine nachhaltige Denkweise einen geringen Einfluss auf die Entscheidung hat, außer Haus zu essen: Die Teilnehmer zeigen ein hohes Misstrauen gegenüber Qualitätsansprüchen und stellen ihre gesundheitlichen Bedenken beiseite. Daraus kann geschlossen werden, dass Essen außer Haus, stark von der täglichen Routine sowie den Tätigkeiten, die dem Essen vorausgehen oder nachfolgen, beeinflusst werden. Berufliche Veränderungen oder Änderungen des Fortbewegungsverhaltens haben ebenfalls einen Einfluss darauf, wie die Konsumenten auswärts essen.


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