In Reallaboren erproben Forschende, Unternehmen, Stadtverwaltungen und Bürger*innen, wie nachhaltiger Wandel konkret gelingen kann. Durch transdisziplinäre Kooperation und Experimente unter Alltagsbedingungen gestalten sie gemeinsam Zukunft.
Klimakrise, Digitalisierung, Artensterben: Die gesellschaftlichen Herausforderungen werden zunehmend komplexer und erfordern neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Praxis. Forschung findet daher immer häufiger nicht nur über gesellschaftliche Entwicklungen statt, sondern gemeinsam mit den Menschen und Akteur*innen, die diese mitgestalten. Reallabore bieten dafür einen besonders geeigneten und kooperativen Ansatz.
Reallabore sind Räume für Experimente, in denen Beteiligte aus der Praxis, etwa aus Stadtverwaltungen, Unternehmen oder zivilgesellschaftlichen Initiativen, gemeinsam mit Forschenden Lösungsansätze entwickeln und sie in Experimenten unter realen Bedingungen testen. Dabei greifen Reallabore konkrete gesellschaftliche Herausforderungen auf, die gemeinsam abgeleitet werden, das heißt: Schon die Formulierung der Forschungsfrage erfolgt partizipativ. Ziel von Reallaboren ist es, eine nachhaltige Transformationen anzustoßen und langfristig erfolgreich zu verankern. Dafür ist nicht nur ein gutes Verständnis des Ausgangssystems zentral, sondern vor allem das Wissen darüber, wohin man sich entwickeln möchte und wie dieser Wandel gelingen kann.
Reallabore durchlaufen typischerweise drei Phasen:

Reallabore sollen nicht nur neues Wissen schaffen, sondern auch konkrete Veränderungen anstoßen – etwa neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Verwaltung, Unternehmen und Zivilgesellschaft oder veränderte Entscheidungsprozesse im Stadtquartier sowie nachhaltigere Praktiken vor Ort. Damit diese Wirkungen sichtbar und nachvollziehbar werden, setzt das Wuppertal Institut ein Wirkungsmodell standardmäßig bereits beim Projektdesign ein und integriert es systematisch in die Umsetzung der Reallaborprojekte.
Die Innovation von Reallaboren besteht darin, kontextbezogen, problemorientiert und partizipativ Wissen für nachhaltige Transformation zu erzeugen. Analog zu klassischen Laboren steht auch im Reallabor das strukturierte Experimentieren im Fokus. Die Kernmethode ist das Erproben von zukunftsfähigen Praktiken und Modellen. Forschende und Beteiligte aus der Praxis begeben sich hierbei gemeinsam in Innovations- und Wandlungsprozesse. Methodisch bauen Reallabore auf etablierten Ansätzen wie der Aktions- und Interventionsforschung auf und stellen eine methodische Weiterentwicklung der transdisziplinären Forschung dar.
Reallabore kommen in ganz verschiedenen Bereichen zum Einsatz, um Ideen direkt im Alltag zu testen. In der Stadtentwicklung testen die Beteiligten zum Beispiel soziale Konzepte wie einen Wohnraumtausch aus. Für nachhaltigen Konsum verwandelt es leere Ladenlokale in Kleidertauschbörsen und für die Gesundheit in Städten werden ungenutzte Flächen zu kleinen Parks umgestaltet.
Reallaborforschung versteht sich als transformative Wissenschaft im Dienste einer nachhaltigen Entwicklung. Sie geht über die reine Beobachtung hinaus und verfolgt einen explizit gestalterischen und verändernden Anspruch im Sinne einer "Wissenschaft für die Gesellschaft". Obwohl sich der Begriff in der wissenschaftlichen Debatte kontinuierlich weiterentwickelt, bildet dieses geteilte Verständnis das Fundament der modernen Reallaborforschung.
Seit 2013 zählt das Wuppertal Institut zu den Initiatoren der Reallabor-Konzeption. Das Institut entwickelte zentrale Begriffsbestimmungen, Qualitätskriterien und Erfolgsfaktoren und trug damit wesentlich zur wissenschaftlichen Etablierung des Ansatzes bei. Als Gründungsmitglied des Netzwerks "Reallabore der Nachhaltigkeit" gestaltet das Institut zudem die wissenschaftliche Vernetzung und Weiterentwicklung gemeinsamer Qualitätsstandards entscheidend mit.
Das Interesse an Reallaboren ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gewachsen: Dies zeigt sich sowohl in ihrer Förderung durch Ministerien als auch in der Etablierung von Netzwerken wie das Netzwerk "Reallabore der Nachhaltigkeit", das inzwischen über 200 Mitglieder im deutschsprachigen Raum umfasst. Mit dem Reallabore-Innovationsportal und dem Bundeserprobungsgesetz gewinnen Reallabore politisch zudem weiter an Bedeutung.
Das Wuppertal Institut bringt seine wissenschaftliche Expertise in diese Entwicklungen ein und trägt dazu bei, Reallabore als Instrument nachhaltiger Transformation weiterzuentwickeln. Entsprechend der gestiegenen Bedeutung von Reallaboren in der praktischen Anwendung, gibt es heute keine eindeutige Definition des Reallaboransatzes. Das Wuppertal Institut verfolgt in seinen Reallaborprojekten einen lösungsoffenen Ansatz und unterscheidet sich damit von Reallaboren, in denen eher feststehende Lösungsoptionen getestet werden sollen.
Hier sehen Sie ausgewählte Projekte im Bereich der Reallaborforschung.
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